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Samstag, 31. Mai 2008

Nr. 15 Alice Munro, Himmel und Hölle. Neun Erzählungen, Fischer Taschenbuch

In A.M.s Erzählungen geht es wie im Titel tatsächlich um den Himmel und die Hölle, wo immer man diese imaginären Orte auch ansiedelt.

Eine weibliche Person steht im Mittelpunkt, der aber nicht technisch in der Geschichte auch der Mittelpunkt sein muss.

Munro nähert sich der Person, verlässt sie aber auch um einer anderen, oft einer männlichen, auf ähnliche Weise zu begegnen, verlässt diese wieder und kehrt zurück.

Es sind ganz unterschiedliche Menschen, Stadt und Land, arm und vermögend, krank und gesund. Dennoch geht es immer um den Tod einer Person. Man könnte auch sagen, es handelt sich um Abhandlungen und Varianten des Sterbens und Liebens. Wobei das Lieben, die Beziehungen immer untergeordnet sind.

Die Erzählung "Trost" handelt von einer Frau, Nina, die ihren Mann, Lewis, einen Biologielehrer verliert.

Nach der Erkenntnis, unheilbar krank zu sein, vereinbart er mit seiner Frau, dass sie ihm Sterbehilfe leisten wird. Er vollzieht aber zu ihrer Überraschung den gemeinsam beschlossenen Selbstmord allein, um sie zu schützen.

Dem schließt sich ein Rückblick an, in dem Lewis als ein vehementer Vertreter wissenschaftlichen Denkens dargestellt wird. Zur gleichen Zeit, als seine Krankheit beginnt, erscheinen auch immer wieder Briefe und Angriffe von Eltern gegen seinen Unterricht, die aus einer Ecke der Gegner der Evolutionstheorie kommen.

M. gibt diesem Disput, der sich in Briefen und Zeitungsartikeln, Gesprächen und Gegenreden äußert, viel Raum. Auch Schüler schließen sich diesen Attacken an.

Der ihm nahestehende Direktor versucht zu vermitteln, doch Lewis kommt ihm zuvor und kündigt.

Parallel dazu erfährt man rückblickend eine kurze Liebesgeschichte zwischen Nina und Ed, dem Bestattungsunternehmer der Stadt.

Als Nina gegen den Willen des Direktors und der Freunde von Lewis durchsetzt, dass es keine verlogene Trauerfeier gibt, sondern dieser eingeäschert und die Asche einfach an sie ausgehändigt wird, steht ihr Ed zur Seite.

Munro hat keine Scheu, die Perspektive zu wechseln, auch nicht die Zeit und die Orte, sie kennt keine Regeln , was die Länge der einzelnen Phasen betrifft, und lässt den als Nebenhandlungen viel Raum.

Sie schleicht sich in ihre Figuren förmlich ein, oft sehr langsam und unmerklich .

Die Stimmung ist immer eine, die einen auf der Hut sein lässt".

In der Erzählung "Pfosten und Bohlen" sind die beiden Gegenspielerinnen Kusinen: Lorna und Polly.

Lorna führt das Leben einer oft überforderten jungen Mutter von zwei Kindern, deren Mann, Brendan, ein Mathematikprofessor, sehr genaue Vorstellungen vom Leben hat und diese auch gegenüber der viel jüngeren Lorna durchsetzt.

Zu dem Paar gehört auch ein Student Brendans, der immer wieder zu Gast ist und an Lorna Gedichte schreibt. Sie fühlt sich geschmeichelt und verehrt.

Eines Tages kommt eine der Kusinen zu Besuch. Polly hat ihr Leben ihrer alten Tante und dem Vater gewidmet und lässt Lorna ein wenig spüren, dass sie sich von ihr eine Rettung aus ihrer jüngferlichen Lebensweise erwartet.

Lorna fühlt sich überfordert und auch schuldig, da Polly in er Vergangenheit auch für Lorna lange Zeit eine Patenrolle eingenommen hat.

Als Brendan seine Frau und die Kinder zu einer Hochzeit in eine andere Stadt mitnimmt, nagen in Lorna weitere Schuldgefühle, die sich in Phantasien steigern, in denen Polly ihr Leben beendet.

Bei ihrer Heimkehr jedoch stellt sich heraus, dass aus Lionel und Polly ein Paar geworden ist.

Beim Lesen habe ich immer wieder den Eindruck, dass Munro mir diese Geschichten persönlich erzählt. Sie stellt eine Art Nähe her, die sicher durch diesen Sog entsteht- ein Sog in die Seelenabgründe ihrer Figuren.

Sie tut es unspektakulär und sanft, aber auch eindringlich dank ihrer Fähigkeit zur sensiblen Beobachtung und zu einem scharfen Zoom auf innere Orte und Worte.

Mittwoch, 14. Mai 2008

Nr. 14 Siri Hustvedt, Was ich liebte, Rowohlt, 2003

"Was ich liebte" habe ich schon 2003 gelesen und jetzt, da ein neuer Roman von ihr erschienen ist und ich nur Bruchstücke erinnern konnte, nochmals.

Hauptperson und Erzähler ist der Kunsthistoriker Leo Herzberg, der mit seiner Frau Erica in Manhatten lebt. Durch den Kauf eines seiner Bilder, lernt er den Künstler Bill Wechsler näher kennen.

Als Bill und seine Frau Lucille in das gleiche Haus ziehen, befreunden sich die Paare noch näher miteinander.

Fast zur selben Zeit erwarten die beiden Frauen ein Kind. Bills Ehe scheitert aber, der kleine Mark pendelt zwischen den Wohnorten von Vater und Mutter.

Dann verunglückt Leos Sohn in einem Feriencamp tödlich.

Während die Beziehung zwischen Leo und Erica durch das Ereignis in eine Krise gerät, verändert sich Matts Verhalten.

Leo, der sich nach dem Tod des eigenen Sohnes mehr um Matt kümmert, ihn aufnimmt und unterstützt, beobachtet mit Entsetzen, wie aus seinem Schützling ein unberechenbarer befremdlicher Mensch wird, der ihn bestiehlt, belügt und sich in Gesellschaft eines Mannes begibt, der im Verdacht steht, Morde zu begehen und sie als sein "künstlerisches" Konzept anzusehen.

Als auch Bill stirbt und sich seine zweite Frau Violet mehr und mehr von Mark bedroht fühlt, kommt es nochmals zu einem Versuch Leos, Mark aus dem Einfluß dieses Mannes zu ziehen.


Mich hat die Geschichte so berührt, weil sie mit großer Kunstfertigkeit so viele grundsätzliche Themen anrührt:

Da ist die künstlerische Arbeit von Bill Wechsler. Hustvedt widmet der Beschreibung seiner Werke und dem Kunstgeschehen Manhattens großen Platz. Ich habe die Vorstellung der Kästen und Bilder sehr genossen, als hätte ich sie tatsächlich gesehen.

Die Beschreibung und Veränderung seiner Werke durchziehen den gesamten Roman wie ein roter Faden.

Daneben immer die Frage: Wie können wir zusammenleben?

Was können wir tun um unsere Kinder zu schützen?

Beide Eltern verlieren die ihren trotz tiefer Liebe, Fürsorge und bestem Wissen.

Oft denkt man, nun könne es nicht schlimmer kommen, und dennoch trifft ein weiterer Schicksalsschlag ein.

Obwohl die Geschichte keinerlei Trost oder ein in einer Weise tröstliches Ende bietet, ist sie trotzdem auch voll Lebensweisheit und Stärke.

Sie verstört und entsetzt, aber lässt einem auch eine tiefe Liebe zum Leben und den Menschen spüren.

Donnerstag, 1. Mai 2008

Nr. 13 Patricia Bosworth, Diane Arbus

Ich habe in den letzten Jahren in Galerien, vor allem in Deutschland, oft Bilder von Diane Arbus gesehen, sie aber immer nur oberflächlich als eine von den in den 60ern berühmten Fotografinnen wahrgenommen.

Durch die Biographie von wird aber sichtbar, was für ein besonderer Mensch hinter dieser Künstlerin steckt und wie sehr all die Regeln im Sinne von „Folgen einer Kindheit“ ihr Leben aufzeigt.
Diane Arbus wuchs als Kind mit zwei Geschwistern (Bruder Howard wird später ein anerkannter, aber doch nie wirklich geschätzter Autor in Amerika, die kleine Schwester Renee später Bildhauerin, ) in einer reichen aber kalten Familie auf. Es sind „die Russeks“, Pelzhändler, die im Laufe der Jahre eine Kaufhauskette aufbauen.
Immer von wechselnden Kindermädchen betreut, vor allem im Sommer, wo die Eltern regelmäßig auf Europareise gehen, leidet D. unter der Stimmung im Haus.
Sie beschreibt sie als künstlich, vom realen Leben abgehoben.
Es ist auch Sommer als D. ihren Selbstmord ausführt.

Nicht umsonst verbringt sie ihr Künstlerleben später mit der Suche nach dem ganz Anderen, nach dem Kontakt zu Leuten die am Rande oder außerhalb der Gesellschaft stehe: Huren, Zirkusleuten, Behinderten, Kleinwüchsigen, Dicken, Witwen, Dealern, Drogensüchtigen, ...

Mit ihrem Mann Allen Arbus beginnt sie als Modefotografin- nicht unverständlich- unter schwierigen Bedingungen zu arbeiten.
Sie bekommt zwei Mädchen, das Leben der jungen Familie ist von Einfachheit und Armut gezeichnet, die reichen Eltern verweigern ihre finanzielle Unterstützung.
Mit der Zeit erkennt auch die Umgebung die größere Begabung Dianes in diesem Doppelpack. Allen hat zudem den Wunsch, Schauspieler zu werden.
Sie ziehen häufig um, Diane beginnt allein mit dem Fotografieren von Kindern, Menschen mit Handicaps und ungewöhnlichen Menschen, was in dieser Zeit noch ein fotografisches Neuland war.

Die Depression, unter der auch ihre Mutter gelitten hat, setzt sich in Diane fort. Seit sie denken kann, leidet auch sie unter immer wieder auftauchender Depressionen.
Es ist ein Wechsel von Intensiver Arbeit, in der sie im Moment aufzugehen scheint, dann aber die Erschöpfung und Depression.
Während sie als Modeteam arbeiten, knüpfen sie viele wichtige Kontakte zu Fotografen, Berühmtheiten und andern Künstlern.
Es ist die Zeit der Hippiebewegung und der Gruppensexparties.
Dianes besondere Eigenheit ist ihre Kindlichkeit gepaart mit einer auf ihre Umwelt eigenartig wirkende Neugier. Sie fragt ungeniert nach dem Sexleben ihres Tischnachbarn und erzählt ohne Tabus von eigenen Erfahrungen.
Allen verliebt sich in eine junge Schauspielerin und trennt sich von Diane.
Trotzdem bleibt er ihr als Hilfe und Stütze lang verbunden, bis er wenige Jahre vor ihrem Suizid nach Kaliforniern zieht.

In den Jahren darauf durchlebt Diane eine intensive Arbeitsphase, unterbrochen durch langen depressiven Phasen, die auch nicht durch Therapien oder Medikamenten gelindert werden können.

Während sie an Berühmtheit gewinnt, erscheint sie von außen den Freunden und Fremden immer öfter wie ein dünnes, kleines, verlorenes Mädchen, das unendliche Einsamkeit ausstrahlt.

Einer der wichtigsten Menschen wird ihre Lehrerin Lisette Model.
Model ist auch die einzige, die erkennt daß Diane unter mehr als Depressionen leidet , sie vermutet hinter dem seltsamen Verhalten eine Form von Schizophrenie.
Später gibt auch D. Workshops und Kurse und wird zur begehrten Lehrerin. Ohne Ausbildung gelingt es ihr , die jungen Studenten durch ihre intensiven Erzählungen und ihre eigene Begeisterung für die Fotografie, für sich zu gewinnen.

Vor ihrem Tod mehren sich die Erzählungen von Menschen die mit ihr zusammentreffen und sich auch oft mißverstanden oder verärgert fühlen.
Sie ist eine schwierige Künstlerin, nimmt die zahlreichen Angebote von Galerien nur zögernd an oder zieht sich ohne Erklärung von Vereinbarungen zurück.

Immer öfter spricht sie davon, daß sie genug hätte.
Ihren Suizid kündigt sie immer wieder an.
1971 schneidet sie sich in ihrer Badewanne die Pulsadern auf und wird erst 3 Tage später gefunden.


Im Lesen sind mir immer mehr Bilder vor Augengetreten die ich irgendwann abgespeichert habe.
Besonders hat mich die Stellung der jungen D. berührt, diese Gefangenschaft in der Familie in der niemand sie verstanden hat und in der sie ihr „psychisches Programm für ihr weiteres Leben überspielt“ hat.

Auf sie trifft die Meinung zu, daß Kinder deren Mütter depressiv sind, also die Gefühle des Kindes nicht spiegeln können, selbst in Gefahr sind, dieses Schicksal zu wiederholen.

Auch diese Scham, die Diane lebenslang verfolgt hat , als sie bei ihren Reisen in Slums und die Unterwelt auf das wahre Leben stößt, hat mich berührt.
Mir erscheint ihre Arbeit wie eine Gutmachung an den Ausgegrenzten , die diese eben durch sie mit ihrer Fotografie durchführt.

Auch hier trifft zu, was immer im allgemeinen aufgeführt wird, daß ein Familienglück, das sie ja lange lebte mit Mann und Kindern keineswegs ausschließt an Depressionen zu erkranken.

Einer weiterer Grund dieses Buch zu lesen, ist die detailreiche Sozialstudie der Zeit zwischen 1950 und 1970 in New York.
Das Leben von Menschen im Kunstbereich aber auch die andere Seite, derer die nur von außen in diese Leben hineinblicken.

Dienstag, 29. April 2008

Nr. 12 T.C.Boyle, Zähne und Klauen, Hanser, 2008

Als T.C. Boyle-Fan war ich schon neugierig auf die neuen Erzählungen mit dem Titel "Zähne und Klauen". Es geht darin um Katastrophen, um den Menschen und die Natur, die uns vor Unwägbarkeiten stellt, denen wir auch im heuen Jahrhundert nicht entkommen können.
Anders als in Boyles Romanen geht es in den Geschichten immer sehr schnell in die Gefahrenzone.
Mein Lieblingsbeispiel ist "Vom raschen Aussterben der Tiere". Ein Pärchen, sie kennen sich noch nicht lang, ist unterwegs zu einer Hütte in den Bergen. Das Auto bleibt im Schnee stecken, da sich der Mann zuwenig um die richtige Ausrüstung des Wagens für den Trip vorbereitet hat.
Während der Fahrt unterhält sie ihn mit der Naturgeschichte der Aale, doch schon bald wird neben dem Thema klar, dass sich in den Köpfen der beiden Protagonisten auch etwas anderes breit macht. Angst und Fassungslosigkeit darüber, dass sie so schnell in eine solch
gefährliche Situation geraten.
Bald sind sie zu Fuß unterwegs, rasch erschöpft und ihr wird klar, dass sie in der Waldwildnis erfrieren, wenn keine Hilfe kommt. Vom Aussterben einer Tierart gleiten sie in die Geschichte ihres eigenen Endes. Nur durch Zufall werden sie von einem Schneefahrzeug gefunden - in der
rettenden Hütte trennen sich dann auch schon wieder ihre Wege.
Boyle schafft es, die Situation dramatisch aufzubauen, Spannung zu erzeugen und den Gestalten eine scharfe Kontur zu geben.
Nicht alle Geschichten spielen mit so realistischen Szenarien . Manche handeln auch in Lebensbereichen, die ich eher in das Science Fiction-Genre ordnen würde, wie z.B. "Jubilation", in der es um das Leben in einer Kunststadt geht.
Andere führen eine Idee zum Äußersten, wie "Der freundliche Mörder", in dem sich ein Mann um Geld zu verdienen auf einen Versuch einläßt, den Rekord im Schlafentzug zu brechen.
Im Grunde sind die Short Stories aber nicht wirklich meine erste Wahl wenn es um Boyle geht. Warum? Man muss sich einlesen, und schon ist man wieder am Ende angelangt.

Mittwoch, 16. April 2008

Nr. 11 Annie Proulx, Herzenslieder, btb, 2008

Ich habe schon drei Bücher von Annie Proulx gelesen: Die Schiffsmeldungen, Postkarten und Mitten in Amerika.
Das zuletzt erschienene Buch ist eine Sammlung von Erzählungen mit dem Titel Herzenslieder und stammt aus 1988, der Zeit vor ihren Erfolgen .
Sie nimmt den Leser mit aufs Land in Vermont, in eine Gegend in der die Bevölkerung an einem Leben hängt, das nicht nur glücklich macht, aus dem es aber für die Ansässigen meist kein Entkommen gibt.
Sie schildert das Zusammentreffen der Menschen mit Besuchern aus den Städten, die sich mit ihrem Hintergrund und neuen Technologien den Bewahrern von Traditionen annähern, sie ausnützen oder auch beneiden.
In jedem Fall aber steht man auf der Seite der Menschen, deren Leben man als etwas beinahe Exotisches erlebt, dessen Härte, vor allem die der langen Winter, man sich aber nicht leicht vorstellen kann.
Familienbande, traumatisches Ereignisse und auch alte Wunden lenken die einzelnen Protagonisten.

So erlebt man eine gewisse Ungeduld, wenn man in „Der wolkenlose Tag“ mitverfolgt, wie der Städter Earl sich an den Einheimischen Santee heranmacht, um das Schießen von Vögeln zu lernen.
Mehr und mehr erscheint einem das Spiel der beiden ungleichen Männer wie ein Gleichnis. Am Ende erhält der selbstverliebte, überhebliche und von Arroganz verblendete Earl aber doch die Rechnung für sein Verhalten.

Mich beeindruckt vor allem wie schon in ihren Romanen Proulxs Geschick, eine Atmosphäre auszubreien und mit poetischen Bildern diese karge Welt erfahrbar zu machen.

Donnerstag, 3. April 2008

Nr. 10 Adrian Desmond/James Moore, Charles Darwin, List, 1995

Charles Darwin wurde 1809 in Shrewsbury/England geboren. Er war das fünfte Kind und der zweite Sohn eines gut situierten Arztes.
Nach dem Studium wäre seine vorbestimmte Laufbahn die eines Pastors gewesen. Doch dann unternahm er eine Reise , die berühmte Fahrt auf der Beagle, die alles veränderte.
Durch die Hinwendung zur Wissenschaft und die Entscheidung gegen ein kirchliches Leben kam Darwin mit wichtigen Personen in Kontakt.
Er wurde ein leidenschaftlicher und experimentierfreudiger Forscher. Seine Ansicht über die Entstehung der Arten entstand schon sehr früh, doch aufgrund der gesellschaftlichen Situation und seiner Position in der kirchentreuen Wissenschaftsgesellschaft wäre eine Veröffentlichung zu dieser Zeit eine Art Todesurteil gewesen.
Erst nach vielen Jahren, in denen sich auch die Ansichten über Naturwissenschaften und der Einfluss der Kirche verändert hatten, trat Darwin mit seinem Werk in die Öffentlichkeit.
Das Besondere an dieser Biografie ist die Vielzahl der Quellen und die liebevolle „Durchleuchtung" des privaten Darwin.
Selten habe ich eine Biografie eines Mannes gelesen, bei der mich nach 700 Seiten das Gefühl gepackt hat, nun wieder von vorne beginnen zu wollen. Es ist die Detailgenauigkeit und auch die Art und Weise, wie Zeitgeschichtliches mit der Familiengeschichte verknüpft wurde.
Vielleicht liegt es das daran, dass die beiden Autoren - Adrian Desmond als Biologe und Soziologe und James Moore als Anthropologe und Religionswissenschaftler - nicht nur Spezialisten für die Naturwissenschaft sind.
Vielleicht ist das Fesselnde auch die Art, wie die Entstehung der Evolutions-Idee erzählt wird. nämlich wie eine Kriminalgeschichte.
Nichts war schlimmer für einen Mann mit großem Ansehen in dieser Epoche, als in den Geruch von Atheismus und Gotteslästerung zu kommen, und das, obwohl er mit wissenschaftlichem Ernst forschte.
Gleichzeitig begann sein lebenslanger Kampf gegen eine seltsame Erkrankung des Magens, ein Leiden, das ihn viele Wochen von der Arbeit abhielt und das ihn zeitlebens quälen sollte, aber in der Biographie namenlos bleibt .
Alle Personen, die sich dem Evolutionsgedanken zuwandten, waren von der Gesellschaft verachtenswerte Systemkritiker und Aufwiegler. So einer wollte Darwin nie sein. Dazu war er zhu sehr auch ein leidenschaftlicher Familienmensch und Vater. Eine Lieblingsbeschäftigung der jungen Eheleute war das gemeinsame Lesen. Dass er bei den Veröffentlichungen auch an die Religiosität seiner Frau denken musste, machte sein Forschen nicht einfacher.
Darwins Buch "Die Entstehung der Arten" erschien in einer Zeit, in der es nicht mehr den gesellschaftlichen Tod für den Autor bedeutete, trotzdem versetzte es sein Leben in ein enormes Spannungsfeld. Er wurde nun wirklich bekannt. Er war aber auch angehalten, weiterhin selbst zu forschen und zu experimentieren.
Alle Freunde, die sich auf Reisen begaben, wurden mit Aufträgen versehen. In Zeiten der Digitalfotografie, des Internets und der Satellitenkommunikation kann man sich kaum vorstellen, wie er dieses Arbeitspensum - Experimente, Tagebuch, Briefe, Familie, Behandlung seiner rätselhaften Krankheit - schaffen konnte.
Es lässt sich auch schwer nachvollziehen, was es damals bedeutet hat, den Menschen in die Kette des Tierreichs zu stellen und mit den Affen zu verbinden. Dazu bedurfte es eines Mannes mit seiner "furchtloser Offenheit".
Neben der Geschichte der Evolutionstheorie ist das Buch auch eine Geschichte von Freundschaften. Nie hätte er seine Arbeit in dieser Form ausführen können, wäre er nicht mit einigen wichtigen Männern in enger Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft verbunden gewesen.
Und daneben weckt das Werk die Lust, sich mit der einen oder anderen Spezies selbst näher zu beschäftigen.
Darwin starb 1882 im Alter von 73 Jahren. Sein Name wird immer wieder in Verbindung mit Marx und Freud genannt, dem Trio, das den Narzissmus der Menschheit stark beschädigt hat. Für mich ist aber die Leistung Darwins diejenige, die in mir die meiste Bewunderung hervorruft. Er hat nicht nur „etwas" entdeckt, er hat sein Leben und seine gesamte Persönlichkeit in diese Wandlung einbezogen.
Am Ende des 870 Seiten dicken Buches erwartet die Leserin oder den Leser eine 25 Seiten lange Bibliographie, die das Ausmaß der Recherchen der Autoren dokumentiert.

Sonntag, 9. März 2008

Nr. 9 T. C. Boyle, Talk, Talk, Carl Hanser Verlag, 2008

In Boyles Roman TALK TALK geht es um einen sogenannten Identitätsdiebstahl.
Eine Person verleibt sich die Daten einer anderen ein, indem sie Codes knackt und sich als diese andere ausgibt.
Er oder sie konsumiert sämtliche Konten, begeht Delikte mit falschem Namen und am Ende büßt die unschuldige Person dafür, weil sie den Namen trägt und der Dieb sich längst hinter einer neuen Identität verborgen hat.

So geht es auch Dana, Lehrerin in einer Gehörlosenschule, fest im Leben stehend, mit Freund und sozialem Umfeld.
In wenigen Tagen wird sie im Gefängnis all ihrer Rechte beraubt und verliert trotz der Wiederherstellung ihrer Identität ihre Job.
Auch ihr Freund, Hörender, aber beruflich in einer angespannten Situation, wird von den Vorfällen aus dem Gleichgewicht gebracht.
Da die Polizei tatenlos bleibt und auch sonst niemand Hilfe anbietet, be-geben sich die beiden auf eine abenteuerliche Reise, um den Schuldigen zu finden.
Wie in allen Romanen Boyles erfährt man in dichten Szenen viel über die Hauptpersonen.
Alles scheint sehr realistisch und man merkt kaum, dass man in ein Gespinst eines Actionthrillers eingewoben wird.
Am Ende, wenn die Spannung abgefallen ist und man selbst glücklich über den guten Schluss die Geschichte überdenkt, wundert man sich über die zahllosen Kunstgriffe Boyles.
Es scheint ein Art Wunderland zu sein, wo Dinge passieren, damit die Geschichte ihre Spannung behalten kann.

In diesem Roman hat mich das Schicksal und die Situation von Dana besonders interessiert, denn Boyle hat auch gut recherchiert:
Wie nimmt man als gehörloser Mensch Situationen wahr, ob das ein Es-sen mit neuen Bekannten im Restaurant ist oder beim Verhör mit der Polizei. Wie ist das funktioniert das tatsächlich mit dem Lippenlesen? Wie kann man sich auch als die Gebärdensprache gut beherrschender Dolmetscher lächerlich machen mit seinem „Akzent“ usw.

Nach all den Romanen von T. C.Boyle ist TALK TALK aber trotzdem nicht mein Favorit. Der bleibt der Roman „Wassermusik“ und an zweiter Stelle „Worlds End“.
Auf jeden Fall fühle ich mich bei Boyle gut aufgehoben, es gibt kein Gefühl, der Autor wüsste nichts mit seinen Figuren anzufangen, wie es mir oft bei Austers Texten geht.

Am Tag, an dem ich das Buch abgeschlossen hatte, gab es im Fernsehen ein Interview mit T. C. Boyle, das ich mit gemischten Gefühlen betrachtet habe. Der hagere von seiner ehemaligen Zeit als Süchtiger gezeichnete Mann, erhält nicht sofort meine Sympathie. Wenn er aber über seine Arbeit spricht, kommt man ihm näher und am Ende wünscht man sich, dass er uns noch lange Zeit viele weitere Boyles bescheren wird.

Sonntag, 24. Februar 2008

Nr. 8 Andrew Wilson, Schöner Schatten. Das Leben von Patricia Highsmith, Berlin Verlag, 2003

P. H. wurde 1921 geboren und wurde für ihre Kriminalromane bekannt. Viele davon wurden große Erfolge und manche verfilmt.
Ich hab diese Biographie vor 6 Jahren gelesen, mit Begeisterung.
Ihre Romane hab ich mindestens einmal gelesen, dann aber alle verschenkt. D.h. wenn ich etwas nachlesen müsste, könnte ich sie mir nur aus der Bücherei holen.
Vor einer Woche wollte ich ihre Biografie nochmals lesen, und nun bin ich wieder mittendrin.
Das Besondere ist der Blick auf ihre Kindheit und ihren Werdegang, der sehr schön den Zusammenhang - der Autor hat gut und liebevoll recherchiert - zwischen ihrer Person und dem Werk darstellt.
Da ist das kleine Mädchen, das von der Mutter und dem Stiefvater immer wieder abwechselnd Trennung und Zuwendung erlebt, ohne sich dagegen wehren zu können. Dann die junge Frau, die ihre Homosexualität entdeckt, auslebt und die Autorin, die mit den Geschichten aus der Welt des „Bösen“ zur erfolgreichen Schriftstellerin wird.
Am meisten fasziniert die unglaubliche Energie, mit der sie ihr Leben zu meistern versucht. Schon bald steht fest, dass sie einerseits großes Talent besitzt, aber auch den Hang zum Alkoholismus und zur Selbstzerstörung. Die Beziehungen sind entweder von Beginn an zum Scheitern verurteilt oder gehen über Jahre einen qualvollen Weg.
Von Außen könnte man sagen, dass P. H. große Möglichkeiten und gute Chancen hatte, eine angesehene und zufriedene Frau zu sein. Doch schon kurze Kontakte mit ihr lassen die meisten Zeitzeugen von einer Person erzählen, die schwer mit anderen Menschen umgehen konnte und für mehr Schwierigkeiten als Glücksmomente sorgte.
Mich persönlich berührt der Teil ihrer Person am meisten, der Angst hat und unter der selbst gewählten Einsamkeit leidet.
Die Autorin, die so oft von Schreibblockaden und Misserfolgen in lange Phasen von Panikattacken und Angst geworfen wird, besitzt aber wieder die Kraft, ein neues Haus zu mieten, wieder umzuziehen und wieder von neuem zu beginnen.
Das ist auch beim zweiten Mal Lesen schwer nachzuvollziehen: Diese unglaubliche Menge an Umzügen und Ortswechsel. Diese zahlreichen Frauen, mit denen sie versuchte, ihr Leben zu teilen.
Gleichzeitig bietet das Werk auch sehr viel Informationen über die historischen Bedingungen und gesellschaftlichen Hintergründe.
Insofern ist ein Krimi von P. H. nicht einfach ein Krimi sondern auch ein Zugang zum tragischen Leben der Autorin.

Nr. 7 Richard Ford, Die Lage des Landes, Berlin Verlag, 2007

Die Hauptfigur, Frank Bascome, 55 Jahre alt, führt den Leser 2 Tage vor Thanksgiving durch diesen 681 Seiten dicken Roman.
Ich habe noch nie etwas von R. F. gelesen und war sehr neugierig und auch überrascht, dieses Buch geschenkt bekommen zu haben.
Es erinnert mich im Stil an die Updikes, die Rabbitromane; es ist aber genauer und vielschichtiger, kleinteiliger.
Im Hintergrund die Wahlen 2000, Bush gegen Gore; und die Gesellschaft an der Küste New Jerseys.
Frank B. führt uns zuerst in sein Berufsleben als Makler und lässt uns am Lebensgefühl – er nennt es die Permanenzphase – teilhaben.
Dabei denke ich immer, dass er um 10 Jahre zu früh dran ist, denn das, was er beschreibt, kenne ich von den Menschen um die 65.
Ein weitere Mitspieler ist sein Partner Mike, ein Tibeter. Durch ihn erhalten wir auch Informationen über das, was Frank unter Buddhismus versteht und andere Einstellungen, die ihn als typischen amerikanischen Bürger einer wohlhabenden Gesellschaftsschicht auszeichnen.
Jede Beobachtung, jede Fahrt von einem Ort zum anderen - und es gibt in diesen wenigen Tagen, in denen der Roman spielt, viele Bewegungen - ist Anlaß, über den Zustand der eigene Person und der des Landes zu sinnieren.
Der Zeitpunkt ruft auch die beiden Kinder auf den Plan, die Tochter Clarissa, mit der ihn im Gegensatz zum Sohn Paul eine liebevolle Beziehung verbindet. Dann die Exfrau Ann und die Zweit-Exfrau Sally, die ihn vor einiger Zeit für deren tot geglaubten Mann Wally verlassen hat.
Als Verschärfung erfährt man auch noch von der Krebserkrankung Franks.
All das erscheint so betrachtet sehr dicht und fast unglaublich. Aber Ford schafft es, all das in diesen Roman zu packen. Und trotzdem lässt er den Leser nicht mit einem Wust schwer nachzuvollziehbarer Tatsachen allein.
Man hat eher das Gefühl, ständig an der Seite Franks zu stehen und mitzufühlen, ihn gut zu kennen.
Es war nicht so, dass ich ihn als Person sympathisch fand. Aber es hat mich interessiert, ihn als Vertreter einer Generation und als Mittelpunkt einer Gesellschaft mit der ich so gar keine Erfahrung habe, so gut kennenlernen zu dürfen.
Die Sympathien verteilen sich eher auf die anderen Figuren, von denen man Seite um Seite neue Facetten erfährt.

Etwas lang wird im dritten Drittel ein misslungener Verkauf eines Hauses. Auch hier gibt es wieder sehr viele detaillierte Informationen über alle Beteiligten. Da hab ich dann viele Absätze übersprungen.
Auch eine Sportveranstaltung war mir dann gegen Ende des Buches keine genaues Hineinlesen wert.

Würde ich noch einen weiteren Roman von Ford lesen wollen? Ich hab mich das schon oft gefragt, weil ich im Normalfall möglichst alle Bücher eines Autors lesen muss.
Hier werde ich mir Zeit lassen, es ist doch am Ende alles ein wenig zu-viel Amerika, ein zuviel an hysterischen Personen und zu wenig Blick auf die Normalität geblieben. Und das macht im Rückblick auch das Anstrengende aus, von dem aber nicht viel bleibt.
Mir ist es mit Updike ähnlich ergangen, aber den hab ich doch vor mehr als 10 Jahren gelesen, in einer viel größeren Unbedarftheit, was Amerika betrifft.

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